Erneutes Gejammere über Ballerspiele war ja zu erwarten. Es war sogar sicher, daß man davon nicht verschont bleiben würde, wie jedes Mal, wenn ein Jugendlicher um sich schießt und bei den Ermittlungen herauskommt, er hätte auch OnLine Ballerspiele gespielt, wo man vermeintlich das Töten lernen würde.
Emsdetten, 20.11.2006; Bastian B. läuft Amok und verletzt mit seinen Waffen 27 Menschen.
Die Verbreitung des Abschiedsbriefes gelang schneller, als die Behörden dagegen vorgehen konnten. Die politische Intention bei der Vermeidung der Verteilung des Textes ist offensichtlich. Die Fakten an denen er verzweifelt ist, werden generell gerne durch Politik und Medien unter Verschluß gehalten, stellen sich für jeden Mitbürger allerdings als offensichtlich dar. Seine Kritik an der fröhlichen medialen Repräsentation der maroden Lebensrealität halte ich für den interessantesten Teil in dem Text, thematisiert es doch einen der langlebigsten Missstände. Nicht nur sein gesellschaftlicher Platz wurde ihm zum Verhängnis, sondern auch der Platz in der Institution der Schule, die für ihn nicht zu einem chancenvollen Platz der Bildung wurde, sondern zu einem Platz der Ablehnung, an dem er mehr und mehr zu einem verbitterten Menschen wurde, der sich als Verlierer im System sah.
Was er beschreibt, was ihn zum Täter werden ließ, ist ziemlich gut nachvollziehbar, indes sich der Ausbruch in Form des Amoklaufs natürlich nicht rechtfertigen lässt. Allerdings gibt es gesellschaftlich immer weniger Raum, seine eigene Meinung und seine Sorgen kommunizieren zu dürfen. Er hat die radikalste Lösung der Meinungsäußerung gewählt, indem er versuchte, andere für ihre Vergehen an seiner Person zu richten. Allerdings hat er so auch Raum geschaffen, allgegenwärtige Probleme anzuprangern, die nicht nur ihn betroffen haben, sondern tausendfach in deutschen Klassenzimmern ausgebrütet werden. Der institutionell herangezüchtete Verlierer wird natürlich nicht immer Amok laufen, allerdings besteht, in Kombination mit einer kräftigen Depression und einer massiv aufgebauten Wut gegenüber anderen, immer wieder die Gefahr, daß ein solches Verbrechen geschieht. Runtergeputzte Jugendliche, erfüllt mit Zukunftsängsten, selbst auferlegten Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten, dem Selbstwert und der Selbstachtung gibt es zu Hauf. Eine Lösung wäre ein bessere persönliche Präventivmaßnahme in Form von Ansprechpartnern, um der Sache nachzukommen. “Nach Angaben des NRW-Landesverbandes Schulpsychologie kommt in Deutschland auf 12.500 Schüler nur ein Psychologe. Damit liege Deutschland im OECD-Vergleich vor Malta an vorletzter Stelle. In Skandinavien und Russland liege das Verhältnis bei etwa 1000:1.” (Verweis) Auf der anderen Seite waren seine Motive so gelagert, daß da auch kein Psychologe mehr bei der Bewältigung hilft, sondern seine Probleme belächeln würde. Schließlich könnte nur die Änderung des politischen Dogmas helfen, bezüglich der Erziehung der deutschen Jugend zu einer Gesellschaft der Schuldigen und Zahnlosen.
Da man sich sehr schnell sicher ist, daß nur die sog. “Killerspiele” Schuld an der Sache sein können, geht das politische Gedöns natürlich sogleich wieder los, wie nach jeder Tat, die ach so überraschend über die Menschen hereinbricht. Was Bastian krank machte, waren nicht die Ballerspiele, die er so wie viele andere auch spielte, sondern seine eigene soziale Realität, mit der er nicht mehr klarkam. “Killerspiele” sind nicht das Problem, indes sie auch keine Lösung sind. Würden Ballerspiele Aggressionen der Spieler lösen oder gar aufzehren, würden sie sich geradezu anbieten. Als Aggressions-Erhöher allerdings sind sie ebenso nicht zu verurteilen, da ein Ballerspiel bisher aus niemandem speziell einen Mörder gemacht hat. Die Probleme sind andere. Diese Probleme werden auch in Zukunft nicht angegangen, da sie ironischerweise nicht als Problem wahrgenommen, insbesondere seitens politischen Elite als nicht existent gewertet werden, was allerdings für die zunehmende Klientel der Verlierer der Gesellschaft zum Problem wird. Die regelmäßigen Attacken frustrierter Schüler auf einzelne Lehrer, nimmt man in den Medien schon gar nicht wahr, ist dies jedoch die Mini-Variante einer in diesem Fall verübten Gräueltat. Man schiebt die Schuld sehr gerne auf Computerspiele, weil die Volkszertreter selbst davon keinen Schimmer haben. Aber die von ihnen produzierte Gesellschaft, die kennen sie scheinbar bestens. Insbesondere wollen sie mit ansprochenem Verbot die Gesellschaft vor allen Einflüssen, die sie ihrerseits nicht einzuschätzen in der Lage sind, schützen, was an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten ist.
Letztlich werden entsprechende Computerspiele natürlich nicht verboten. Man kann sie überhaupt nicht verbieten, weil damit seitens der Politik die Garantie gegeben werden würde, daß sich solche Vorfälle in Zukunft nicht mehr ereignen. Welch eine Blamage würde man sich einfahren, wenn man Killerspiele verbietet und dann erneut ein Zwischenfall geschieht? Sollte man sich denn nicht langsam eingestehen, daß die Ursachen gesellschafts-politischer Natur sind und dort die Gründe für ausrastende und gewalttätige Schüler zu finden sind?
So geht ein weiterer Amoklauf ins Land. Das Gedöns ist das gleiche, schlauer sind sie alle nicht geworden und das werden sie auch beim nächsten Amoklauf nicht sein, der zwangsläufig unter ähnlichen Motiven kommen wird.
Anbei setze ich den (unveränderten) Abschiedsbrief, der durchs Internet kursierte. Man hätte es gerne vermieden, daß sich der Brief in dem Maße verbreitet, allerdings lässt sich das Internet nicht aufhalten. Es ist eine Sammlung von Gedanken, die in unserer Gesellschaft allgemeinhin nicht gefasst werden dürfen und genau das macht den Text so interessant. Eine Rechtfertigung liefert der Text sicherlich nicht, jedoch fassen diese Sätze seine Gründe für seine Tat zusammen. Man sollte sich den Text nicht entgehen lassen, schlichtweg aus dem Grund, weil dies anscheinend Gründe sind, für die eine Person mit dem vermutlich arg verschobenen “Verlierer”-Selbstbild, bereit ist, 27 Menschen und sich selbst das Leben zu nehmen, selbst wenn dem Einzelnen diese Gründe fremd sein mögen.
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